Wie oft stehen wir vor einer Entscheidung und wissen eigentlich längst, was wir möchten? Wir spüren, was uns guttut, was sich nicht mehr richtig anfühlt oder wonach wir uns sehnen. Doch kaum wird es konkret, schaltet sich unser Kopf ein.
Was, wenn ich mich falsch entscheide? Was, wenn ich es bereue? Was, wenn die andere Möglichkeit doch die bessere gewesen wäre?
Wir beginnen abzuwägen, Szenarien durchzuspielen und andere Menschen um ihre Meinung zu bitten. Bis wir irgendwann nicht mehr wissen, was wir selbst eigentlich wollen.
Aber warum haben wir solche Angst vor falschen Entscheidungen? Und was macht eine Entscheidung überhaupt richtig oder falsch?
Eine Entscheidung, die anders herauskam als gedacht
Ich erinnere mich gut an eine berufliche Entscheidung, die überhaupt nicht so verlief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte eine neue Stelle angenommen. Schon nach drei oder vier Monaten war ich ziemlich enttäuscht. Es herrschte ein riesiges Durcheinander, meine damalige Chefin kündigte und mit meinem neuen Vorgesetzten kam ich überhaupt nicht zurecht.
Nach einem Jahr war für mich klar: Ich möchte hier nicht bleiben. Also kündigte ich. Ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben.
Für mich war dieser Entscheid klar. Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde, aber ich wusste, dass ich unter diesen Umständen nicht bleiben wollte.
Es folgten zwei Monate Arbeitslosigkeit, bevor ich eine neue Stelle fand. Auch diese war nicht immer einfach. Aber sie machte mir Spass. Ich durfte unglaublich viel lernen, neue Erfahrungen sammeln und begegnete Menschen, die ich heute nicht missen möchte.
War es also eine Fehlentscheidung, die erste Stelle anzunehmen?
Hätte ich damals anders entschieden, wäre mein beruflicher Weg vermutlich ganz anders verlaufen. Und all diese Erfahrungen und Begegnungen hätte es in dieser Form möglicherweise nie gegeben.
Warum haben wir Angst, falsche Entscheidungen zu treffen?
Unser Gehirn liebt Sicherheit. Es versucht, Risiken einzuschätzen, Gefahren zu erkennen und uns vor unangenehmen Konsequenzen zu schützen. Psychologisch spielen dabei verschiedene Mechanismen eine Rolle.
Verlustaversion: Mögliche Verluste wiegen für uns häufig schwerer als vergleichbare Gewinne. Wir konzentrieren uns darauf, was wir verlieren könnten, statt darauf, was wir gewinnen würden.
Perfektionismus: Wer hohe Ansprüche an sich selbst stellt, möchte häufig nicht einfach eine gute Entscheidung treffen. Es muss die bestmögliche sein. Doch bei vielen Lebensentscheidungen lässt sich das Ergebnis gar nicht zuverlässig vorhersagen.
Angst vor Reue: Wir stellen uns bereits im Voraus vor, wie enttäuscht wir sein könnten, wenn wir falsch entscheiden. Um dieses Gefühl zu vermeiden, schieben wir Entscheidungen hinaus.
Das Bedürfnis nach Kontrolle: Eine Entscheidung bedeutet häufig auch, eine andere Möglichkeit loszulassen. Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht sämtliche Konsequenzen kontrollieren können.
Ausgerechnet der Versuch, einen Fehler um jeden Preis zu vermeiden, kann dazu führen, dass wir über längere Zeit in einer Situation verharren, die uns längst nicht mehr entspricht.
Kopf oder Bauchgefühl: Wem soll ich vertrauen?
Diesen inneren Konflikt begegnet mir auch in meiner Coaching-Arbeit häufig.
Ein Teil von uns weiss ziemlich genau, wohin er möchte. Ein anderer Teil findet unzählige Gründe, weshalb wir besser nichts verändern sollten. Dabei ist unser Verstand nicht der Feind unserer Intuition. Er möchte uns schützen, Risiken erkennen und Erfahrungen berücksichtigen.
Unser Bauchgefühl wiederum verarbeitet Eindrücke, Emotionen und Erfahrungen, die uns nicht immer unmittelbar bewusst sind. Doch nicht jedes Bauchgefühl ist automatisch ein verlässlicher Wegweiser. Auch alte Ängste, negative Erfahrungen und tief verankerte Glaubenssätze können sich körperlich bemerkbar machen. Deshalb geht es für mich nicht darum, den Kopf auszuschalten und blind dem Herzen zu folgen.
Vielmehr dürfen wir lernen, beides wahrzunehmen.
Was möchte ich wirklich? Was macht mir Angst? Welche Risiken sind realistisch? Und welche Befürchtungen entstehen aus Erfahrungen, die mit meiner heutigen Situation vielleicht gar nichts mehr zu tun haben?
Unser Körper kann dabei ein wertvoller Zugang sein. Wenn wir bewusst zur Ruhe kommen und nach innen spüren, nehmen wir Gefühle und Bedürfnisse oft deutlicher wahr.
Eine gute Entscheidung braucht nicht immer absolute Sicherheit. Aber sie darf bewusst getroffen werden.
Wie viel von unserer Angst gehört überhaupt zu uns?
Unsere Entscheidungen werden auch durch unser Umfeld geprägt. Vielleicht bist du mit der Überzeugung aufgewachsen, dass Sicherheit wichtiger ist als persönliche Erfüllung. Dass man eine sichere Arbeitsstelle nicht einfach aufgibt, dass man eine Beziehung nicht beendet, nur weil man unglücklich ist, oder man etwas Begonnenes unbedingt zu Ende bringen muss.
Solche Glaubenssätze können uns ein Leben lang begleiten.
Aus systemischer Sicht lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen:
Wessen Erwartungen versuche ich gerade zu erfüllen?
Was würde ich entscheiden, wenn ich niemanden enttäuschen müsste?
Welche Vorstellungen von richtig und falsch habe ich übernommen, ohne sie jemals zu hinterfragen?
Eine Entscheidung, die unseren eigenen Bedürfnissen entspricht, kann sich trotzdem unangenehm anfühlen. Gerade dann, wenn wir damit vertraute Muster verlassen.
Wenn wir eine Entscheidung im Nachhinein bereuen
Hier liegt für mich ein besonders wichtiger Gedanke.
Wir beurteilen vergangene Entscheidungen häufig mit dem Wissen, das wir heute haben. In der Psychologie spricht man vom Rückschaufehler, dem sogenannten Hindsight Bias. Sobald wir den Ausgang einer Situation kennen, erscheint uns dieser rückblickend oft vorhersehbarer, als er tatsächlich war.
Wir denken: «Das hätte ich doch wissen müssen.» Aber hättest du es wirklich wissen können? Du warst damals ein anderer Mensch. Mit anderen Erfahrungen, anderen Bedürfnissen und einem anderen Wissensstand.
Vielleicht hast du dich für etwas entschieden, das dir damals sinnvoll erschien. Vielleicht hast du gehofft, etwas würde sich verbessern. Vielleicht hast du auch Warnsignale übersehen. Das darfst du heute erkennen.
Doch du musst dein damaliges Ich nicht dafür verurteilen. Du darfst heute anders entscheiden, ohne deine damalige Entscheidung zu verurteilen.
Für mich hat das viel mit persönlicher Integrität zu tun. Mit der Fähigkeit, zu den eigenen Entscheidungen zu stehen, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig anzuerkennen, dass wir uns weiterentwickeln.
Was, wenn eine Fehlentscheidung neue Möglichkeiten eröffnet?
Ich glaube daran, dass jeder eingeschlagene Weg Möglichkeiten entstehen lassen kann, die wir vorher nicht sehen konnten. Eine Begegnung, die unser Leben bereichert, eine Erfahrung, die uns stärker mit unseren Bedürfnissen verbindet, eine Erkenntnis, die unseren weiteren Weg verändert.
Ich glaube auch nicht daran, dass das Universum grundsätzlich gegen uns arbeitet. Das bedeutet für mich allerdings nicht, dass jede Erfahrung schön sein muss oder dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht.
Es gibt schmerzhafte Entscheidungen. Es gibt Situationen, die wir bereuen, und es gibt Konsequenzen, die sich nicht einfach rückgängig machen lassen. Trotzdem können wir darauf vertrauen, dass unsere Geschichte weitergeht.
Dass wir erneut entscheiden dürfen. Dass wir aus Erfahrungen lernen und neue Wege entdecken können. Dafür brauchen wir keine Gewissheit, dass alles gut ausgehen wird. Wir brauchen Vertrauen in unsere Fähigkeit, mit dem umzugehen, was das Leben uns bringt.
Drei Fragen, die dir bei einer Entscheidung helfen können
Wenn du gerade vor einer Entscheidung stehst, nimm dir einen ruhigen Moment. Atme ein paar Mal bewusst durch und richte deine Aufmerksamkeit nach innen.
Was würde ich entscheiden, wenn ich keine Angst vor den Konsequenzen hätte?
Diese Frage hilft dir, deine eigentlichen Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen. Sie bedeutet nicht, dass du mögliche Konsequenzen ignorieren sollst.
Welche Stimme spricht gerade aus mir?
Ist es mein eigener Wunsch? Meine Angst? Eine Erwartung meiner Familie? Ein alter Glaubenssatz?
Kann ich hinter dieser Entscheidung stehen, auch wenn das Ergebnis anders ausfällt als erhofft?
Hier geht es nicht um die Garantie eines guten Ausgangs. Sondern darum, bewusst und im Einklang mit deinen heutigen Werten zu entscheiden.
Du musst nicht alles im Voraus wissen
Zurückblickend bin ich froh, dass ich damals gekündigt habe. Ich habe auf mein Gefühl gehört, Verantwortung für mich übernommen und damit den Weg für neue Erfahrungen und Möglichkeiten geöffnet. Ich wusste nicht, welche Menschen ich kennenlernen würde. Welche Erfahrungen auf mich warteten. Was ich lernen und wohin mich dieser Weg führen würde. Genau das ist es doch, was wir so oft vergessen: Wir können unser Leben nicht vollständig vorausplanen.
Wir dürfen Entscheidungen treffen, Wege ausprobieren, umkehren und wieder neu wählen.
Du musst nicht darauf vertrauen, dass jede deiner Entscheidungen richtig ist. Du darfst darauf vertrauen, dass du deinen Weg auch dann weitergehen kannst, wenn sich eine Entscheidung als falsch herausstellt.
Falls du heute einen Entscheid bereust, frage dich einmal:
Was wusste mein damaliges Ich, was war ihm wichtig und wie würde ich ihm heute begegnen?
Vielleicht mit etwas mehr Verständnis, als du dir bisher zugestanden hast.
Du stehst vor einer Entscheidung und findest keinen Zugang mehr zu dem, was du wirklich möchtest?
In meinem Coaching schaffen wir Raum, um deine Gedanken zu ordnen, alte Glaubenssätze zu erkennen und wieder mit deinen eigenen Bedürfnissen in Kontakt zu kommen.
Melanie | Holistic Life Coaching in Bern

